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Ein Interview mit der Hungersnotstele von Seheil


„Meine Damen und Herren, liebe Reisende durch Zeit und Mythos,

heute habe ich einen ganz besonderen Gast eingeladen. Einen Gast, der älter ist als jedes Archiv, dramatischer als jede Netflix-Serie und politisch raffinierter als so mancher Ministerrat.

Er ist schwer, er ist weise, er ist gespalten – im wörtlichen Sinne – und er hat eine Geschichte zu erzählen, die sich über Jahrtausende spannt.

Bitte begrüßen Sie mit mir: die Hungersnotstele von Seheil!


Großer Felsen in Wüste mit antiken Hieroglyphen und Figuren eingraviert. Blauer Himmel im Hintergrund, sandige, felsige Umgebung.

Der Stein räuspert sich. Es klingt wie zwei Felsbrocken, die sich begrüßen.


„Vielen Dank, Mai. Ich freue mich, heute hier zu sein. Ich bin nicht oft eingeladen – man hält mich ja für … unbeweglich.“


Das Publikum lacht.


Mai: 🎤

„Liebe Hungersnotstele von Seheil, für alle, die dich noch nicht persönlich kennen – wie würdest du dich vorstellen?“


Hungersnotstele von Seheil:

„Mit Vergnügen. Ich bin ein massiver Granitblock, in den Fels der Insel Seheil selbst gehauen. Mein Textfeld misst etwa 180 × 171 cm. Darüber thront ein Bildfeld mit drei Göttern und einem König, der so tut, als wäre er 2.400 Jahre älter, als er aussieht.

Ich trage 32 bis 42 Kolumnen Hieroglyphen – je nachdem, wie großzügig man mit meinen beschädigten Zeilen ist. Und ja, ich habe einen breiten natürlichen Riss, der schon da war, bevor die Schreiber kamen. Sie haben einfach um ihn herumgeschrieben. Ich nenne das: architektonische Improvisation.


Mai:

„Du erzählst eine dramatische Geschichte. Kannst du sie für uns zusammenfassen?“


Stele:

„Natürlich.

Ich berichte von einer siebenjährigen Hungersnot in der angeblichen Zeit des Königs Djoser. Der Nil bleibt aus, die Felder verdorren, das Volk hungert, und Djoser ist verzweifelt.

Er ruft Imhotep, den Architekten, Arzt, Priester, Universalgelehrten und inoffiziellen Problemlöser des Alten Reiches.

Imhotep forscht in alten Archiven und entdeckt: Der Nil gehört Chnum, dem Schöpfergott von Elephantine.

Djoser reagiert königlich: Er spendet, er stiftet, er erneuert Tempel, er überschüttet Chnum mit Gaben.

Und siehe da – der Nil fließt wieder.

Ein Happy End, göttlich garantiert.“


Felskunst mit antiken Figuren und Schriftzeichen, in einer felsigen Wüstenlandschaft. Die Gravuren zeigen stehende Menschen und Symbole.

Mai:

„Das klingt nach Mythos. Aber du bist doch ein historisches Dokument?“


Stele:

„Ah! Jetzt kommen wir zur Wahrheit.

Ich wurde nicht in Djosers Zeit geschaffen. Ich wurde in der Ptolemäerzeit, im 3. Jahrhundert v. Chr., gemeißelt. Ich bin also eine Art historische Fanfiction.

Sprachlich, orthographisch, ikonographisch – alles an mir ist ptolemäisch. Aber ich spiele die Rolle eines alten Textes, um glaubwürdig zu wirken.“


Mai:

„Und warum dieses Theater? Was war dein Zweck?“


Stele:

„Ich diente einem sehr profanen Zweck:

Die Priester des Chnum-Tempels von Elephantine wollten ihre Ansprüche auf Land, Einkünfte und Privilegien legitimieren.

Sie standen in Konkurrenz zum mächtigen Isis‑Tempel von Philae.

Also schufen sie mich – ein Monument, das sagt:

‚Seht her! Schon König Djoser hat Chnum reich beschenkt. Unsere Rechte sind uralt. Unantastbar.‘

Ich bin also ein politisches Dokument, verkleidet als mythologische Erzählung.“


Mai:

„Wie bist du eigentlich entdeckt worden?“


Stele:

„1889, von Charles Edwin Wilbour. Ein Mann mit Hut, viel Geduld und einem guten Auge für Steine, die Geschichten erzählen.“


Mai:

„Und wo findet man dich heute?“


Stele:

„Ich stehe noch immer dort, wo ich geschaffen wurde: am südlichen Ende der Insel Seheil, zwischen Assuan und Philae. Der Nil rauscht, die Sonne brennt, und ich erzähle meine Geschichte jedem, der zuhört.“


Flusslandschaft mit Felsen und Büschen, dahinter eine kleine Siedlung mit weiß getünchten Häusern, unter blauem Himmel. Friedliche Szenerie.

Abschluss

„Meine Damen und Herren, wir haben heute gelernt, dass selbst ein Felsblock Politik machen kann. Dass Mythen Macht besitzen. Und dass Geschichte manchmal ein sehr kreativer Erzähler ist.

Ich danke meinem Gast – der Hungersnotstele von Seheil – für dieses Gespräch.

Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“


Der Stein nickt. Es klingt wie ein leises Donnern.


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